Teil 1
Die diplomatischen Beziehungen zwischen Afghanistan und Deutschland begannen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Afghanistan suchte damals nach einer sogenannten „dritten Macht“, um den kolonialen Einflüssen Großbritanniens und Russlands entgegenzuwirken. Da Deutschland keine territorialen Interessen in der Region verfolgte, bot es sich als idealer Partner an. Diese Kooperation wurde 1915 durch die „Niedermayer-Hentig- Mission“ während des Ersten Weltkriegs eingeleitet. Unter König Amanullah Khan festigten sich die Bande weiter – insbesondere durch die Gründung des Amani-Lyzeums (Gymnasium) in Kabul und die Entsendung der ersten afghanischen Studierenden nach Deutschland.
In den 1930er-Jahren erreichten die bilateralen Beziehungen unter der Herrschaft der Nationalsozialisten und der Amtszeit des afghanischen Premierministers Mohammad Haschim Khan eine strategische Dimension. Die NS-Propaganda versuchte, durch rassistische Theorien über einen angeblichen gemeinsamen „arischen Ursprung“ kulturellen und politischen Einfluss in Kabul zu gewinnen. Für Haschim Khan stand jedoch der wirtschaftliche Fortschritt im Vordergrund: Deutschland wurde zum wichtigsten Partner für die Modernisierung der Infrastruktur. Deutsche Ingenieure leiteten bedeutende Projekte in den Bereichen Industrie, Telekommunikation und Luftfahrt. Parallel dazu bildete Deutschland zahlreiche afghanische Studierende in Fachbereichen wie Medizin, Naturwissenschaften und Militärwesen aus.
Obwohl Afghanistan im Zweiten Weltkrieg offiziell neutral blieb, zwang der Druck der Alliierten das Land 1941 dazu, deutsche Staatsangehörige auszuweisen. Die in Deutschland verbliebenen afghanischen Studierenden
überstanden die Kriegsjahre unter schwierigsten Bedingungen. Nach 1945 kehrten sie als hochqualifizierte Akademiker – die sogenannten
„Deutschland-Absolventen“ – zurück und übernahmen Schlüsselpositionen im afghanischen Staat. Ein prominentes Beispiel ist Dr. Mohammad Yusuf, der erste demokratische Premierminister, der in den 1960er-Jahren Modernisierungen nach deutschem Vorbild vorantrieb.
Diese Ära der Stabilität endete mit dem Staatsstreich von 1973 und der sowjetischen Invasion im Jahr 1979. Mit dem Krieg veränderte sich die Migration grundlegend: Waren es zuvor meist Diplomaten, Kaufleute oder Elitestudierende, so suchten nun tausende politisch Verfolgte und Intellektuelle Schutz vor Krieg und Repression in Deutschland. Diese Entwicklung legte den Grundstein für die heutige afghanische Gemeinschaft in Deutschland, die nach den Krisen der 1990er-Jahre sowie den Ereignissen von 2015 und 2021 zu einer der größten in Europa angewachsen ist.